Im Gottesdienst zum Ende der Friedensdekade, am
Buß- und Bettag 2015, predigte Martin Gentz, Pfarrer der Ev.
Kirchengemeinde Quedlinburg, in der Nikolaikirche über einen Text
aus dem Matthäusevangelium: Josef und Maria fliehen mit dem neu
geborenen Jesus-Kind nach Ägypten, Herodes lässt in seinem
Regierungsbereich alle Knaben unter zwei Jahren töten.
»Nachdem die Sterndeuter
fortgezogen waren, erschien ein Engel Gottes Josef im Traum und
befahl ihm: „Steh schnell auf, und flieh mit dem Kind und seiner
Mutter nach Ägypten! Bleibt so lange dort, bis ich euch
zurückrufe, denn Herodes sucht das Kind und will es umbringen.“
Da brach Josef noch in der Nacht mit Maria und dem Kind nach Ägypten
auf. Dort blieben sie bis zum Tod von Herodes. So erfüllte sich,
was der Herr durch seinen Propheten angekündigt hatte: „Ich habe
meinen Sohn aus Ägypten gerufen.“ Herodes war außer sich vor
Zorn, als er merkte, dass ihn die Sterndeuter hintergangen hatten. Er
ließ alle Jungen unter zwei Jahren in Bethlehem und Umgebung
umbringen. Denn nach den Angaben der Sterndeuter musste das Kind in
diesem Alter sein.«
(Matthäus 2'13–16, Übersetzung: Hoffnung für
alle)
Thema der Friedensdekade 2015 war: „Grenzerfahrung“.
1. Gewalt und Terror kennen keine Grenzen
„Herodes ließ alle Knaben töten,
die in Bethlehem und in seinem ganzen Gebiet waren, von zwei Jahren
und darunter.“
Terror ist unverhältnismäßig und
Terror verbreitet Schrecken.
Herodes ließ alle Knaben
töten.
a) Terror ist unverhältnismäßig.
Als Student lebte ich Ende der 1970er Jahre in
Göttingen. Nach der Ermordung des Generalbundesanwalts Buback
erschienen Flugblätter – ein „Buback-Nachruf“ eines Studenten,
der sich „Mescalero“ nannte. Der Text verursachte eine
monatelange Diskussion – und führte dazu, dass massenhaft
Polizisten in Göttingen präsent waren. Auf 100 m Fußweg, von einer
Kneipe zur andern, musste ich 3x den Personalausweis vorzeigen. Mit
Ironie sagte man: „Göttingen ist grün.“ Die Kontrollen und
Überwachungen schränkten das alltägliche Leben erheblich ein.
b) Terror verbreitet Schrecken.
So erlebte ich es auch damals bei einem Besuch in
Nordirland Anfang der achtziger Jahre. Soldaten und Armeefahrzeuge
gehörten zum Stadtbild, Straßensperren waren an der Tagesordnung.
In Einkaufzentren wurde man selbst und Taschen und Rucksäcke des
öfteren kontrolliert. – Bei einer kleinen Versammlung in einem
Wohnzimmer klopfte jemand von außen an die Scheibe. So tief saß die
innere Anspannung, dass alle sofort in Deckung gingen – bis auf
mich und einen anderen Studenten aus Deutschland, die wir so ein
Anklopfen für Leute die später kamen, völlig „normal“ fanden.
Terror verbreitet Schrecken.
2. Flüchtlinge müssen über Grenzen
Herodes verfolgte das neu geborene Jesus-Kind, in
dem er einen Konkurrenten fürchtete, bis an die Grenzen seines
Herrschaftsgebietes.
So geht es den Flüchtlingen unserer Tage auch:
Sie müssen über Grenzen, um in Sicherheit zu sein. Was aber
bedeutet das für sie, für ihr Leben?
Sie lassen ihre Heimat hinter sich, die sie lieben
(so wie wir unsere). Auch wenn sie vernünftige, nachvollziehbare
Gründe dafür haben – weil sie in einem zerbombten Land keine
Lebensgrundlage haben, oder weil sie aus politischen oder religiösen
Gründen verfolgt waren –, auch wenn sie sich in unsere
Gesellschaft integriert haben, müssen sie mit dem Verlust ihrer
Heimat leben und irgendwie fertig werden.
Und dann erfahren sie Sprachbarrieren. Wie lange
dauert es, bis man eine Sprache wirklich versteht? Danach fragte ich
eine Frau, die einen Mann geheiratet hatte, der mit einer anderen
Muttersprache aufgewachsen war als sie. Sie meinte: „Mit allen
Feinheiten, auch was Humor, Ironie und Witze anbetrifft, wohl acht
Jahre.“
Wer sich sprachlich auf schwankendem Boden
befindet, hat es nicht leicht, Vertrauen aufzubauen.
Ich hatte ausländische Zwillinge kennengelernt,
die als Pflegekinder in einer deutschen Familie aufwuchsen. Sie
bekamen regelmäßig Besuch von einem etwas älteren Jugendlichen,
der uns im Glauben ließ, er wäre mit den Zwillingen nur bekannt.
Als der nach sechs Jahren Deutschland verließ, ließ er uns endlich
wissen, dass er der Bruder der beiden wäre. In all den Jahren war
noch nicht so viel Vertrauen gewachsen, dass er es uns mitteilen
konnte.
3. Unsere Sehnsucht nach grenzenloser Bewahrung
Es ist durchaus faszinierend, welchen Fortschritt
wir erreicht haben, und was uns dadurch alles in die Hand gegeben
ist.
Vor 30 Jahren war telefonieren ein kleiner Luxus
für Wenige. Erzählen Sie das mal heute einem 16-jährigen und er
wird Sie anschauen wie aus einer anderen Welt.
Neulich bog ich gerade am Zaun der Nikolaikirche
die Drähte zurecht, als mich jemand fragte, ob ich vielleicht seine
Drohne gesehen hätte. Sie wäre ihm am Gerüst des Südturmes
abgestürzt. In den letzten Tagen dachte ich mit Schrecken: So einen
unbemannten Flieger könnten auch Terroristen für ihre Zwecke
nutzen. Mir wurde ziemlich unheimlich bei dem Gedanken.
Dann wiederum las ich in der Zeitung, dass ein
Ganove mit einem gestohlenen Fahrzeug nicht weit gekommen war, weil
man ihn geortet hatte und das Fahrzeug über die eingebaute
Elektronik von außerhalb abbremsen konnte – genial.
Wir können so viel selber regeln mit den
Möglichkeiten, die uns zur Verfügung stehen. —
Aber dann gibt es auch so viel Rätselhaftes. Und
ich frage mich oft: Wo ist Gott mit seiner Macht?
Warum fuhr er damals dem machtgierigen Herodes
nicht in den Arm, als der alle neugeborenen Jungen in einem
bestimmten Gebiet töten ließ?
Warum schweigt Gott, wenn wir heute sein
Eingreifen brauchen?
Wo ist Gott, wenn Dürre, Wirbelstürme oder
Erdbeben den Tod unschuldiger Menschen verursachen?
Wo ist Gott, wenn arme Menschen ihn um Hilfe
anrufen, während die Mächtigen sie von ihrem Land vertreiben, damit
dort Bodenschätze für die Reichen in anderen Ländern gewonnen
werden können?
Warum erhört Gott, trotz unserer Bemühungen,
nicht schnell die Gebete seiner Kinder? Solche Fragen waren für
gläubige Menschen aller Generationen unlösbar. Und auch wir haben
keine Antworten.
Aber eines habe ich über meine Anfragen hinaus
verstanden: Gott hat sich dafür entschieden, mit Menschen in der
Welt zusammenzuarbeiten. Gott hat uns die Verantwortung gegeben,
gute, friedfertige Haushalter zu sein und füreinander zu sorgen. Und
Gott will uns nicht jedes Mal bestrafen, wenn wir etwas Falsches tun.
Und manchmal fällt von seinem ursprünglichen
Anliegen ein Lichtstrahl in die so verwirrende Welt. Ein Engel
erscheint und leitet. Weisung wird erfahren und die Familie wird
bewahrt. Zu dem Wunder der Bewahrung gehören auch menschlich
handelnde Menschen, die einander aufnehmen und beistehen, sonst wären
Josef und Maria nicht durchgekommen. Und das sind für mich
Lichtstrahlen Gottes in unserer verwirrten Welt.
Ich habe einen alten Mann kennen gelernt, der
schon lange hier wohnte, aber sich wünschte, in Mecklenburg begraben
zu werden. Er zeigte mir alte Fotos. Von dem Ort, an dem sie nach der
Flucht angekommen waren. Von sich selbst erzählte er: „Das kleine
Bündel in Decken gehüllt auf der Flucht – das war ich. Noch heute
bin ich Gott dankbar.“ —
Eine Großmutter erzählte über ihren Enkel, der
ihr als Soldat von einem Einsatz in Afghanistan berichtete: „Hätte
ich die Cola nicht ausgetrunken, wäre ich der Aufforderung meines
Kameraden sofort gefolgt, dann gäbe es mich nicht mehr.“ —
Es gibt solche Lichtstrahlen Gottes im Leben. Sie
sind mir eine Orientierung im Glauben. Sie motivieren zum rechten Tun
und speisen meine Hoffnung für das Leben, auch für das Leben das
kommt. Amen.